Der Vater des Talks im Bock und Altmoderator Bernd Dassel erinnert anlässlich des Todes seines Gastes Fürst Georg von Waldburg-Zeil beim 50. TiB-Jubiläum 2006 daran, wie es seinerzeit zum Talk mit dem Fürsten gekommen ist.
Seltsam, wir hatten gleich einen guten Draht zueinander, der blaublütige Millionär im gedeckten Anzug und der linksgewirkte Habenichts in Jeans und Pulli. Es war Februar oder März 2006, ich hatte via Frank Urfer, damals in Zeilschen Diensten, beim Fürsten anfragen lassen, ob er beim 50. Talk im Bock mein Jubiläumsgast sein könne. "Macht der nie!", war die einhellige Meinung meiner TiB-Mitstreiter. Falsch! Er machte - aber, wie Frank Urfer mir übermittelte, unter einer Bedingung: Fürst Georg wolle mich vorher persönlich kennenlernen. Also vereinbarten wir ein Treffen im Haus der Fürstlichen Verwaltung am Viehmarktplatz, aber "nur 30 Minuten", wurde mir beschieden, "der Fürst ist sehr beschäftigt."
Ich war zum ersten Mal in dieser Heiligen Halle, nicht protzig, sondern praktisch, eine sonderbare Würde ausstrahlend, der man sich kaum entziehen kann. Auf einem kleinen Tischchen direkt vor des Fürsten Büro drei Zeitungen, die Allgäuer, der Nordkurier, die Schwäbische. Als sich die Tür öffnete, stand der Fürst lächelnd im Rahmen und streckte mir die Hand entgegen. "Wie ich höre, waren Sie ja auch mal bei der Schwäbischen", sagte er, während ich die drei Blätter in der Hand hielt. Er deutete mit knapper Geste auf die SZ: "Das ist derzeit mein Sorgenkind". Soviel Offenheit hatte ich nicht erwartet. Ich glaube, ich habe sekundenlang den Mund nicht zugemacht, so perplex war ich ob dieses Eingeständnisses.
So überraschend der Beginn war, so überraschend war auch der weitere Verlauf unseres Treffens. Nur kurz sprachen wir über den TiB, umso länger über Politik, den Sozialstaat, über Nachhaltigkeit, über die Kirche und den Glauben. Dreißig Minuten vergingen wie im Fluge, es wurde eine Stunde daraus, dann anderthalb, und nach fast zwei Stunden beendete er die "Audienz" mit dem Satz: "Wissen Sie was? Ich fand unser Gespräch so interessant, das sollten wir fortführen".
Wir setzten es fort, einige Tage später, wieder fast zwei Stunden lang, wieder oft sehr konträre Standpunkte einnehmend, aber auch für mich in Phasen erstaunlich, welche grünen Positionen der Fürst zuweilen bezog. Am Ende einigten wir uns für den TiB auf die Vereinbarung, dass ich alles fragen dürfe, er aber nicht alles beantworten müsse, wenn er es für angebracht halte. Am 24. April saß Fürst Georg tatsächlich als Jubiläumsgast auf dem Podium in der Festhalle, 600 Besucher zu seinen Füßen.
Der Fürst thronte auf seinem Stuhl, war witzig, eloquent, nachdenklich und ging keiner Frage aus dem Weg. Auch nicht der, wie ihn denn heute seine alten Klassenkameraden aus Volksschulzeiten ansprechen würden - mit Schorsch und per Du oder per Sie und mit Eure Durchlaucht. Mal so, mal so, antwortete er; bei offiziellen Anlässen per Sie. Und sonst? "Auch schon mal mit Schorsch!" Der Beifall am Ende des Talks war lang anhaltend und herzlich. Die Leute zeigten, dass und wie sehr sie diesen Gast schätzten und verehrten - als Fürst Georg, als Ihre Durchlaucht. Und ein bisschen auch als Schorsch.