21. Februar 2022

Moskau ein Stück entgegenkommen

Gregor Gysi (74), das Urgestein der tiefroten Linkspartei, der 2003 einer der ersten Gäste des von Bernd Dassel 2001 ins Leben gerufenen Talks im Bock war, ist in unserer Gegenwart mit der spannungsgeladenen Konfrontation zwischen Russland und der Ukraine in den Medien ein gefragter Mann. Zum Thema "Was Politiker nicht sagen" hat der langjährige Politiker natürlich viel zu sagen. Deshalb hat er jetzt ein ganzes Buch zum Thema geschrieben und Augsburger Allgemeine dazu ein Interview gegeben. Er sieht die Demokratie gefährdet, weil es in der Politik mehr um Mehrheiten als um Wahrheiten gehe. Brandaktuell wirft der Köpenicker die Frage auf, was in den großen Krisen unserer Tage wohl wirklich wahr ist.

 

Was die gefährliche Zuspitzung der Spannungen zwischen der Ukraine und Russland betrifft, die den Ausbruch eines Krieges in Europa befürchten lassen, meint Gysi, müsse man entscheiden, wie man über Diplomatie und Völkerrecht zu einem Interessenausgleich kommt. "Wir müssen Moskau ein Stück entgegenkommen, und Moskau muss uns (der NATO, dem Westen) ein Stück entgegenkommen. Wenn man immer nur die Haltung hat "ich habe immer recht, der andere hat immer unrecht", dann kann man diplomatisch einfach nichts erreichen.

 

Gefragt, wie Gysis Blick auf die Wahrheit der zweiten aktuellen Krise, der Corona-Krise, ist, räumt er zunächst ein, keiner der inzwischen 80 Millionen Virologen im Land zu sein. Da er auch kein Verschwörungstheoretiker sei, sagt er: "Ich will zumindest eine Logik erkennen. Das kann ich aber nicht, wenn man nur zu zehnt Silvester feiern darf, aber im Flugzeug eng in Dreierblöcken über 100 Menschen zusammensitzen. Und logisch wäre doch nun auch: Wenn es die Erkenntnis gibt, dass Omikron eine viel mildere Variante ist und wir wegen Fieber und Erkältungen auch keine Einschränkungen der Grundrechte vornehmen, dann müssen wir uns jetzt so schnell wie möglich davon verabschieden".