Der 1940 in Rostock geborene Altbundespräsident Joachim Gauck (81), der 2011 im TiB bei Bernd Dassel zu Gast war, warnte kürzlich vor einer Ausgrenzung, weil die antidemokratischen Frust fördern könnte. Angesichts der Realität, dass sich ein harter Kern von Impfgegnern radikalisiert hat und vor Gewalt nicht zurückschreckt, steht zu befürchten, dass eine wachsende Zahl von Bürgern den Staat, die Verfassung und die Demokratie generell infrage stellt. Die Einschränkungen während der Pandemie werden zum Anlass genommen, zum Widerstand gegen das "System" aufzurufen.
"Die Gefährdung der Freiheit aus der Freiheit heraus" - das sagte Gauck im Presseclub München auf die Frage, warum eine wachsende Zahl der Deutschen offensichtlich der Demokratie überdrüssig ist. Für einen "ehemaligen Bewohner des kommunistischen Weltreichs" sei es schlimm, dieses Phänomen zu beobachten, sagte der jetzt 81-Jährige, der vor der politischen Wende als regimekritischer evangelischer Pfarrer in Mecklenburg-Vorpommern (DDR) tätig war.
Joachim Gaucks großes Thema ist, warum immer mehr Leute das kostbare Geschenk von Freiheit und Demokratie immer weniger zu schätzen wissen. Seine Sorge ist, dass der gut 30 Prozent große Anteil rechtskonservativ denkender Menschen im Land politisch heimatlos ist. Auch das bedrohe die Demokratie. Er ist der Überzeugung, dass man ertragen müsse, "dass diese Leute sich angesichts der Globalisierung, der digitalen Revolution, der Debatte über das Klima und Zuwanderung" nach Stabilität sehnen würden. Für ihn ist die kategorische Verdammung rechtskonservativer Werte ein Fehler. Wenn man diese Gruppen ausschließe, würden sie mit Ablehnung reagieren, was für die Demokratie gefährlich sei.
Hart ins Gericht geht Gauck mit der AfD. Dass ein eigentlich Bürgerlicher wie Alexander Gauland, der in der hessischen CDU eine wichtige Figur gewesen sei, sich mit "Leuten verbündet, die nicht wissen, was Nationalsozialismus ist", sei unfassbar.