30. Januar 2022

Unerträgliches Systemversagen

Nach dem Gutachten zu den sexuellen Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising kommt die Spitze der katholischen Kirche nicht mehr zur Ruhe. Der Druck aus Politik, Gesellschaft und aus den eigenen Reihen ist groß. Christian Weisner (70) von der katholischen Reformbewegung "Wir sind Kirche", der im April 2010 im TiB zu Gast war, weiß allerdings, wie schwer es ist, in der katholischen Kirche einen Wandel herbeizuführen. Dennoch fordert er gerade jetzt mit Nachdruck, grundlegende Veränderungen anzupacken und in die Wege zu leiten. Mit t-online hat er über den ersten Eindruck gesprochen, den das Missbrauchsgutachten auf ihn macht.

 

Weisner spricht vor allem einen Fall des zweiten Münchner Gutachtens an, der sich ereignet hat, als Papst Benedikt XVI. Erzbischof von München und Freising war. Aber auch jeder andere Missbrauchsfall ist für ihn ohne Wenn und Aber einer zu viel. "Das lebenslange Leid der Betroffenen, die Uneinsichtigkeit der Täter und das Wegschauen der Verantwortlichen sind unerträglich".

 

Warum gerade die katholische Kirche so sehr mit sexuellem Missbrauch zu kämpfen hat, beantwortet Weisner so: "Sexuelle Gewalt gibt es überall. Aber sexuelle und auch psychische Gewalt im religiösen Bereich, wo der Priester eine besondere Rolle einnimmt, wiegt für die Betroffenen besonders schwer, oft ein Leben lang". Er verweist auf die besonderen Risiken für sexuelle Gewalt und nennt dazu Beispiele: "Da gibt es keine Machtkontrolle, einen Pflichtzölibat für den Priester, eine sehr rigide Sexualmoral und Frauen werden von Leitungsämtern ausgeschlossen". Die katholische Kirche könne sich da nicht rausreden, gibt er zu bedenken. Aber es dauere sehr lange, bis das Bewusstsein dafür da ist, dass es nicht nur ein einzelnes Versagen ist - sondern ein Systemversagen.