Der 224. Talk im Bock (diesmal wieder Open Air als ALSO-Talk vor dem Bock mit drei Leutkircher Köpfen) konnte bei bestem Wetter abgehalten werden. Moderator Joachim Rogosch (bewährt souverän) durfte rund 500 Zuhörer begrüßen und zunächst dem VHS-Team, den Musikern (die geniale und treue Band „Just Friends)“, den Sponsoren, „den Hessens“ und deren Helfer vom ALSO-Team sowie der Guggenmusik Wuchzenhofen, die für die Getränke sorgte, danken. In die Spendenkasse flossen am Ende 2530 Euro. Damit werden Musiker und musikalische Projekte in der Ukraine unterstützt.
Von Christine King
Leutkirch – Los ging’s mit Fabian Weilandt, Chefkoch im 5-Sterne-Hotel Sonnenhof in Bad Wörishofen und Zweitplazierter bei der TV-Kochshow „Mein Lokal, dein Lokal“. Er stammt ursprünglich aus Thüringen, lebt jetzt aber schon seit 19 Jahren mit Familie in Leutkirch. Er kochte unter anderem schon im Waldhorn in Ravensburg und drei Jahre auf den Bermudas. Weilandt erzählte von dieser aufregenden TV-Woche, bei der er entgegen den allgemeinen Vermutungen nicht zugenommen, sondern 3 – 4 Kilo abgenommen habe. Aber auch von seinem Alltag. Der sei durchaus mal stressig – ein 14-Stunden-Arbeitstag komme schon mal vor – aber insgesamt „liebe ich das Kochen und sehe das nicht als Arbeit“. Die Dienstpläne schreibt er selbst, wichtige Familien-Termine versuche er freizuhalten. Halb, halb ist die Aufteilung bei ihm zwischen Büro und Küche. Und ja, er würde den Beruf durchaus jungen Menschen empfehlen. Sogenannte Teildienste zum Beispiel seien in seinem Haus gar nicht mehr üblich. Er fasst zusammen: „Je dünner die Luft nach oben wird, mit Sternen und so, desto stressiger wird’s halt.“ Man müsse das Kochen lieben, und wer Qualität zeige im Job, komme weiter. „Und wenn es passt und toll ist, dann ist es wunderbar.“ Er profitiere von guten Chefs, einem netten Team und erfahre viel Wertschätzung. Seine work-life-balance? Er lacht und sagt: „work-work“.
Bei Andrea Fournier-Dieng wurde die Gesprächsatmosphäre von Minute zu Minute entspannter. Fournier-Dieng, die aus Wuchzenhofen stammt und derzeit Domkapellmeisterin in Salzburg ist – „Mozart war mein Vorgänger“ – durfte ihren Job beschreiben. Sie leitet noch den Kinderchor der Oper Graz und ist in Salzburg, wo sie auch lebt, zuständig für die gesamte Dommusik. Heißt, für Organistenkollegen, Stimmbildner und andere Chorleiter. „Jeden Tag gibt es bei uns ein Orgelkonzert, jeden Sonntag ein Hochamt, dazu kommen diverse Konzerte während der Festspiele.“ Ein Oster-Hochamt dauere schon mal zwei Stunden, die Hälfte davon sei Musik. Allein der Dom-Chor trete bis zu 35-mal im Jahr auf. „Und der hört auf Sie?“ fragt Rogosch. Die Antwort kommt prompt: „Ja.“ Sängernachwuchsprobleme? Gäbe es in Salzburg bei so vielen Studenten keine. Jemandem zu sagen, dass er aufhören soll, „bringe ich allerdings nicht übers Herz“. Eine 60- bis 70-Stunden-Woche sei derzeit normal. Aber auch bei ihr wurde schnell klar, „dass ich es einfach liebe, mit Musik aus dem Alltag aussteige und in einer anderen Welt bin, wenn ich arbeite.“ Die Familie trägt’s mit, die drei (erwachsenen) Töchter sind teilweise ebenfalls Musikerinnen, der Mann ist Profisänger. Ob’s im Leben noch was anderes gibt, fragt Rogosch. „Ich laufe seit ca. einem Jahr“, verrät sie. Der erste ¼-Marathon ist schon absolviert. Ihre Chorleitungskompetenz darf sie dann noch live unter Beweis stellen. Die Zuschauer und Gäste stehen auf und singen (wohlgemerkt 4-stimmig und durchaus richtig) unter ihrer Leitung.
Kein Alteingesessener oder gebürtiger Leutkircher, sondern einen Neubürger konnte Joachim Rogosch dann als dritten Talk-Gast begrüßen. Anton Gruber ist seit zwei Wochen der neue katholische Pfarrer, zuständig für 7 Kirchengemeinden. „Das sind B’sondre“ soll ihm ein Kollege im Vorfeld gesagt haben, als es um die Leutkircher Stelle ging. Und „besonders“ wolle er seinen Job hier auch machen. Sein Ansatz: „Auf dem Boden der Tradition ansetzen und in die Moderne überführen.“ Er wolle alles dafür tun, „damit die Leute hier glauben können.“ Der Geist Gottes sei im Miteinander (beim Glauben, beim Beten, beim Singen) ja da. Ganz privat? Da kann über den Begriff Moderne noch diskutiert werden. Er könne zwar kochen – Joachim Rogosch wird zur selbstgemachten Pizza eingeladen – aber trotzdem suche er eine Haushaltshilfe bzw. „Hausfrau“, wie er es nennt. Angst vor Einsamkeit habe er nicht. „Ich bin gut vernetzt“, sagt er, „und reise gern.“ Er erzählt ein bisschen von seiner 9-wöchigen Weltreise und davon, dass er von den Vanuatu Islands, den freundlichen, einfachen Menschen und einem aktiven Vulkan am meisten beeindruckt war. Die Leutkircher erfuhren auch, dass der neue Pfarrer Organist ist, eine Reihe namens „Orgel meets Rock“ kreiert hat, für die Pfingstferien eine Reise mit Gemeindemitgliedern plant, ein Teamplayer ist, auch Software-Entwickler oder Mathematiker hätte werden können oder 4-facher Familienvater. Ob in zehn Jahren wohl noch Gläubige da seien, fragt Rogosch? Gruber zeigt ins Publikum, lächelt und sagt: „An Ihnen liegt’s!“
Am Ende gab’s viel Applaus – auch für die Tagesspende von 2530 Euro, die an ukrainische Musiker und Musikprojekte geht – und eine Flasche Talk im Bock-Bier, extra gebraut von Simon Fehr, für alle. Auch der Moderator wurde von VHS-Leiter Stephan Wandinger mit viel Lob bedacht. Der nächste Talk ist am 19. Oktober, dann mal wieder im Bocksaal.