Wegen des zu erwartenden großen Andrangs fand Talk Nr. 225 nicht im Bocksaal statt, sondern wurde nach längerer Zeit wieder einmal in den Festsaal verlegt. Der war mit über 500 Besuchern prallvoll besetzt, zahlreiche Besucher mussten sich mit Stehplätzen begnügen. Der nach dreistündiger Autofahrt erheblich verspätet eintreffende, 1972 in Waiblingen geborene Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer tauchte erst kurz vor 20 Uhr auf, so dass das von Joachim Rogosch kurzweilig und quicklebendig moderierte Talkspektakel fast eine halbe Stunde später starten konnte. Erst um genau um 22:10 Uhr fand die redselig geführte Show ihr Ende.
Die Saalspende des Publikums erbrachte stattliche 3.600 Euro, für die sich der frühere Grünen- und heute parteilose Kommunalpolitiker aufrichtig warmherzig bedankte. Das Geld geht an den Tübinger Zirkus Zambaioni, der in der ehrwürdigen Universitäts- und Hölderlinstadt am oberen Neckar mit seinem Projekt ein Zirkushaus baut. Das soll ein Begegnungsort für 260 Kinder und Jugendliche sein, damit die nicht nur „vor dem Internet rumhängen“. Die Kosten des neuen Haus werden mit 2,4 Millionen beziffert.
Ob er in Deutschland politisches Naturtalent oder lediglich ein Provokateur sei, wird gefragt. Jedenfalls wurde er zum dritten Mal mit absoluter Mehrheit von 52,4 Prozent zum Oberbürgermeister gewählt. Als solcher amtiert er seit 2007. Zuvor war er baden-württembergischer Landtagsabgeordneter. „Warum also meinen Stil ändern?“ fragt er ernsthaft und selbstbewusst in die vielköpfige Saalrunde. Unumwunden gesteht er, wie er viele schier zur Weißglut bringt: „Ich sage ihnen einfach die Wahrheit, die ja heute vielfach anstößig ist“. Immer wieder brandet im Publikum großer, mitunter begeisterter Beifall auf. Was daran liegt, dass es der jetzt 53-Jährige halt liebt, ganz frei von der Leber weg Tacheles zu reden, ohne dabei gleich auf die Palme zu gehen. Von der Mehrzahl der Menschen fühle er sich sehr gut verstanden, gibt er aufgekratzt heiter zu verstehen.
Seinen schönen Vornamen Boris verdankt er keineswegs einem früher Tennis spielenden deutschen Menschen, sondern dem berühmten russischen Romanschriftsteller Boris Pasternak (1890 – 1960), der vor allem mit seinem epochalen Romanepos „Doktor Schiwago“ viel Furore nachte. Wegen eines innerparteilichen Zerwürfnisses mit Bündnis90/Grüne trat er vor ziemlich genau drei Jahren aus der Partei aus. Und zwar aus der Überzeugung heraus: „Ich kann selbst bestimmen, was ich für grün halte“. Er schloss sich vormals einst den Grünen an und blieb 15 Jahre dabei, weil er als überzeugter Ökologe überaus gut fand, dass die Partei die Ökologie an erste Stelle setzte. Neuere Entwicklungen habe er weder vertsanden noch mitgemacht: „Wenn du nicht mitmachst, biste raus“. Palmer wuchs als Sohn eines Obstbaumbauern im Remstal auf. Als „Rebell vom Remstal“ erlangte Vater Palmer überregionale Bekanntheit. Großen Applaus erntet er, als er an Urgroßvater erinnert. Dieser wurde schon 1913 wegen Beleidigung angeklagt. Im jüngsten Wahlkampf unterstützte Palmer den kommenden neuen Ministerpräsident der Grünen Cem Özdemir. Dem hatte er vorab schon versprochen: „Wenn du mich brauchst im Wahlkampf, ich bin da“. Heilfroh ist Palmer darüber, dass Özdemir und nicht der CDU-Mann Manuel Hagel die grün-schwarze neue Koalition anführt.
Mehrfach erinnert der Gast an den jetzt scheidenden MPräs Kretschmann. Ihm folgend, schließt er sich dessen Auffassung vom zivilisierten Streit an, auch im Umgang mit der AfD. Diese Art von Streit brauche Demokratie wie die Luft zum atmen. Er ist es, der zu wirklich guten demokratischen Entscheidungen führe. Horst Hacker