20. Oktober 2026

Talk im Bock mit Sr. Maria Dulcissima und Joachim Rogosch

Vor 25 Jahren, eine Woche nach dem Terroranschlag in New York, fand der „Talk im Bock“ zum ersten Mal statt. Dass er heute noch existiert, ist fast ein Wunder, denn 2012, nach 131 Veranstaltungen, hörte Bernd Dassel auf. Er hatte die Talkreihe gegründet und geprägt.  Nachfolger und Nachfolgerinnen wechselten, immer wieder stand erheblich in Frage, ob es noch weitergehen würde.

Moderator Joachim Rogosch hatte zum Jubiläum eine Frau eingeladen, die sich mit Wundern auskennt wie wohl wenige andere. 150 Gäste waren gekommen. Die aus Ochsenhausen stammende Ordensschwester Maria Dulcissima, vor 53 Jahren getauft als Marietta Hampp, hatte Wort und Bühne vor gut 150 Menschen, es war ein Abend mit Humor, Tiefgang und direkter Lebenshilfe. Manchmal bediente sie sich aus dem Evangelium oder bei Augustinus – meist erzählte sie mit Verve aus ihren eigenen Einsichten und Erfahrungen. Rogosch fasste zum Abschluss zusammen: „Ich hatte vorab die Sorge, dass es etwas zu fromm wird für unser Publikum. Und jetzt ist es sogar noch frommer geworden.“

Warum die ausgeprägte Frömmigkeit der Ordensfrau vielmehr ansteckte als abschreckte, lag an der Bodenständigkeit, mit der sie ihre Mission vortrug. Die Mission: Die Antwort auf allen Kummer liegt beim Herrgott. Was tut sie, wenn ihr die Kraft ausgeht und Sorgen sie erfüllen? In die Stille gehen. Beten. Die Beziehung zu Gott pflegen. Und zulassen, dass es einen Schutzengel gibt, der auf ihrer linken Schulter sitzt. Mit dem Bewusstsein leben, dass Jesus am Kreuz starb, um den Menschen zu zeigen: Du bist so wertvoll, dass ich für Dich starb. Wie schwer es mitunter ist, einen tiefen Glauben zu finden, hat sie auch selbst erlebt. „Du musst durch den Mist knien, um gläubig zu werden“, sagte sie mehrmals. Weder außerhalb eines Klosters noch in einer Ordensgemeinschaft sei es einfach, Beziehungen zu leben, nicht zu urteilen, inneren Frieden zu finden und zu bewahren. Marietta Hempp war mit 23 Jahren in die Gemeinschaft „Oase des Friedens“ eingetreten, sie hatte 20 Jahre in Rom verbracht, dort Philosophie, Psychologie und Theologie studiert. Inzwischen lebt sie in der Wallfahrtskirche Maria Kirchental, die zur Erzdiözese Salzburg gehört. Besonders berührt ist sie von Wallfahrten nach Medjugorje in Bosnien-Herzogowina. Die Erscheinungen, von denen dort berichtet wird, haben es ihr bereits als 16-Jährige angetan. Marietta löste sich mit 22 Jahren dann aus einer sechsjährigen Liebesbeziehungen, um Nonne zu werden (und erhielt drei Jahre später den Namen Maria Dulcissima, Maria, die Süßeste). Gibt es die Marienerscheinungen wirklich, wollte Rogosch wissen. Ja sagte sie. Rogosch fragte: Warum sieht man sie dann nicht, wo es doch heute die technische Möglichkeit gebe, alles zu filmen? Das wisse sie auch nicht, sagte die Schwester mit entwaffnender Offenheit. Sie habe auch immer wieder gezweifelt. Sie habe aus nächster Nähe die sechs „Seher“ erlebt und beobachtet, wie die vom Erscheinen der Mutter Gottes berichteten und deren Botschaft wiedergaben. Ganz einfache Leute seien das, solche, die plötzlich vom Kartoffelernten aufbrechen und zur Marienerscheinung gehen – „schon komisch, dass die Mutter Gottes sich gerade die rausgesucht hat und keine besonderen Leute“.  Sie selbst hege inzwischen keinerlei Verdacht, dass da Theater gespielt würde. „Es passieren dort in Medjugorje so viele Wunder, ich bräuchte viele Stunden, um alle aufzuzählen“. Als sie nicht ganz ernst vorschlug für die Leute im Saal eine Busreise dorthin zu organisieren und selbst die Führung zu übernehmen, wurde heftig applaudiert –die Stimmung war so gut – etliche hätten wahrscheinlich bereitwillig sofort ein Ticket reserviert.

Maria Dulcissima, die sich ihren Klosterschwesternamen Namen „süßeste Maria“ nicht selbst ausgesucht hat, wie sie erklärte, doch sehr zufrieden damit ist, hat wahrscheinlich wenig Zeit, sich als Reiseleiterin fürs Talk-im-Bock-Publikum zu engagieren. In Salzburg bieten sie und ihre Brüder und Schwestern „Friedensoasen“ für Menschen an, die ins Schleudern geraten sind. Viele junge Menschen seien das, sagt sie, denen in wichtigen Lebensphasen Liebe und Orientierung gefehlt habe, die kämen und sagten, sie würden sich selbst nicht mehr spüren, die in Alkohol-, Porno- oder Internetsucht hingen (auch eine Frömmigkeitssucht gebe es – die habe aber nichts mit echter Gläubigkeit zu tun), in denen es „Leere, Leere, Leere“ gebe. Nur wer freiwillig komme, habe eine gute Chance, Sinn in seinem Leben zu finden. „Bei sich selbst ankommen“ nennt sie das. Wer Gott suche, der könne ihn bei sich selbst finden. Nur müsse er dann erstmal bei sich selbst sein. Um diesen Weg zu gehen, gelte es, sich der eigenen Geschichte, den Brüchen im Leben in großer Ehrlichkeit zu stellen. „Da ist ganz viel Schmerz“, sagt sie. Der Schmerz darüber, als Kind viel zu wenig Liebe bekommen zu haben und keine Antworten auf drängende Fragen hatten. Sie selbst, aufgewachsen mit fünf Geschwistern auf einem Bauernhof, weiß, wovon sie spricht. Aufmerksamkeit gab es kaum. Fast wäre sie gestorben, als sie als Kleinkind in eine Güllegrube fiel. Jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, nach Medjugorje zu fahren, eine Wochen lang zu wallfahrten – dafür bat Schwester Maria Dulcissima die Talk-Gäste um Spenden. Das Ergebnis von 1.730 Euro ist außergewöhnlich – meist sind es bei einer solchen Veranstaltung zwischen 500 und 1000 Euro. Die Ordensschwester lächelte und wirkte nicht überrascht. Mit Wundern kennt sie sich aus. Wer einmal den Blick dafür hat, dem begegnen sie überall, hatte sie erzählt. „Sie strahlen bis in die hinterste Reihe“, hatte Joachim Rogosch zwischendurch einmal bemerkt. „Es gibt nichts Schöneres als die Freundschaft mit Gott, der es so gut mit mir meint“, antwortete sie.

Als Moderator hatte Rogosch ihr sehr viel Raum gegeben, was bei dieser humorvollen und wortgewandten Frau, die immer wieder von klarem Hochdeutsch in breites Schwäbisch wechselte, genau richtig war.  Er sorgte sanft für Ordnung im Gespräch, wenn sie weit abschweifte. Zum Abschluss fragte er („Ich muss das jetzt noch fragen“), wie schwer der Verzicht auf Sexualität falle. Keusch bedeute nicht den Abschied von Zärtlichkeit. Sondern, nicht egoistisch und gierig zu sein. Es gehe um innere Reinheit, stellte sie klar. Arm, keusch, gehorsam: Das seien die Werte, an die sie sich halte. Das sei das Gegenprogramm zu heute verbreiteten Zielen, die zu nichts Gutem führten: Sex, Geld und Macht. Die nächste Veranstaltung ist am Montag, 7. Dezember 2026. Zu Gast ist dann Judith Christina Retz. Es moderiert Nina Poelchau.